Der Fall Sebastian B.
Korrupt meinte, dass es wichtig waere, die Daten zu sichern, zu sichten und dann fuer die Zukunft zu lernen. Meine Vermutung ist allerdings, dass dies eigentlich gar nicht notwendig ist. Die Bewaeltigungsprobleme, welche sich fuer jedes (maennliche) Individuum auftuermen koennen sind in Fachkreisen doch laengst bekannt. (Lassen wir jetzt mal die medial inszenierten ExpertInnen beiseite.) Und zu glauben, dass solche Taten in Zukunft verhindert werden koennen, halte ich fuer gelinde gesagt utopisch.
Auch wenn ich keine Lust (oder gar die Moeglichkeit) habe, die Pathogenisierungsversuchen, Effekthaschereien, Verschleierungstaktiken und Ausschlachtungen der zahlreichen beteiligten Parteien konsequent bis zum Innersten von S. entlangzuwandern; mir wurde dennoch deutlich, dass sich hier jemand Gedanken gemacht hat. Und ganz klar Vorbilder hatte. Und ein Verstaendnis von Gesellschaft und Zukunft und den eigenen Platz darin.
Sei es von mir aus nach grobem Ueberblicken also der Frust ueber die mangelnden Zukunftsperspektiven oder sein eigener Platz in einer Gesellschaft, welche sich im Uebrigen kontinuierlich ueber Abwertungen und Selbstdarstellung definiert (und hier seien auch speziell das soziale Verhalten in den schlecht ausgestatteten Schulen erwaehnt, sowohl von der Seite der Lehrkraefte als auch wesentlicher das Verhalten der Peers):
Die Antwort ist auf jeden Fall eben nicht in einfachen Saetzen und Kausalzusammenhaengen zu finden. So wie es zum Beispiel gerade formuliert wurde. Und ja, zu den einfachen Optionen zaehlt auch, jemanden zu pathogenisieren. Krankheiten koennen geheilt und im besten Falle sogar praeventiv ausgeraeumt werden. Die Gedanken, welche sich S. ueber das Leben, die Gesellschaft und den Tod gemacht hat, koennten allerdings auch zeigen, dass er sehr wohl normal war. Wenn der eigene Blickwinkel dies erlaubt.
Ich mag gar nicht fuer die Behebung gesellschaftlicher Missstaende plaedieren. Dafuer brauchts Geld. Was ja wieder nur von anderen sozialen Bereichen umverteilt wird. Dafuer brauchts ferner ein Konzept. Und da beide Sachen unweigerlich zusammengehoeren ist eher mit dem weiterem Abbau von Schulsozialarbeitsplaetzen, weiter mit Klassengroessen von 30+ und weiter mit der Kittung eines Schulsystems zu rechnen, welches hoechstens im urspruenglichen Plan mal integrativ war. Da mir die wirtschaftlichen Verstrickungen durchaus bewusst sind – nun, ich mag eigentlich doch fuer die Behebung solcher Missstaende plaedieren.
Eine Junge jedenfalls, welcher sich in schlechter Nachahmung von Full-Metal-Jacket selbst hinrichtet, nachdem er sich – absichtlich oder nicht – erneut als Versager praesentiert (in dem es eben kein angekuendigtes Gemetzel gab), macht mir aber mehrere Sachen deutlich:
Zum Einen, es ist in Deutschland nicht ganz so leicht, in diese, seine Situation zu kommen. (Das lange keine vergleichbaren Hiobsbotschaften aus US and A heruebergeflattert sind, laesst auch dort “hoffen”.) Die sorgsam gehueteten Selbstmordzahlen von Schueler (und hier auch Schuelerinnen) erzaehlen da schon eine ganz andere Geschichte. Ist natuerlich – neben berechtigten Aengsten der beteiligten Schulen – nicht ganz so medientraechtig. Koennte aber andere Fragen aufwerfen.
Und auch wenns bereits die X-te Wiederholung ist, noch ist das Thema fuer die Medien interessant. Nicht zuletzt aufgrund der Seltenheit und des Medienlochs. Und dieser Amoklauf war meines Erachtens nach das Schauspiel eines Selbstmordes allererster Sahne.
Auch wenn es einige Gemeinsamkeiten und Ueberschneidungen der Faelle gibt. Es ist unnoetig, den Fall S. mit Erfurt zu vergleichen um daraus ein vielleicht unbekanntes Bild zu skizzieren. S. agierte mit Erfurt im Hinterkopf, genauso wie jeder zukuenftige Amoklaeufer mit Emsdetten und Erfurt und seiner eigenen Welt, seinen biographischen Bezuegen um sich schiessen wird. Und wie schon erwaehnt… warum so etwas passiert ist auch schon laengst niedergeschrieben. (Immer noch zu nah an der Inszenierung, aber gut genug zum verdeutlichen. Schulpsychologie, nee, is klar!)
Letztlich stellt sich fuer mich noch die Frage, fuer wen sind denn diese Informationen denn wirklich von Wert? Den Moechtegern-DetektiveBloggenden sicherlich nicht, aber vielleicht der Schulsozialarbeit, Psychatrie, oder doch ausschliesslich der Polizei? Sicherlich ist es notwendig, dass es hier jemanden – besser eine Gruppe – geben muesste, der – oder die – sich speziell mit diesem Fall auseinandersetzt, ihn aufarbeitet und dokumentiert, so dass daraus gelernt werden kann. Das kostet Ressourcen. Richtig. Welche wiederum nicht verschwendet werden muessen. Aber damit schliesst sich auch wieder ein weiterer Kreis.



Tja, lieber Chiqi. Was soll man da sagen. Ich finde es traurig das stets nach kurzer Zeit ein Sündenbock gefunden werden muß und hierzu nur allzu gerne die angebliche Medienverrohung aufgeführt werden kann. Auf der anderen Seite muß ich sagen, dass solche Vorkommnisse sicherlich nicht von ungefähr passieren oder das es gar etwas in einer Person verändert, auch wenn es nur der sprichwörtliche letzte Tropfen ist. Denn wer würde schon seine Hand für alle Gamer, Gothics, Splatterfilmfans und andere Geschmäcker, ins Feuer legen, nur weil die paar Bekannten und Befreudeten die so etwas “konsumieren” einem selber völlig normal und stabil vorkommen? Ich nicht!
Kommentar vom 23. November 2006, 10:16 Uhr.Solange der Fokus auf solchen Begleiterscheinungen liegt – ich finds ehrlich gesagt immer wieder witzig, wie die verschiedenen Subkulturen empoert aufschreiben – laesst sich ueber das dahinter gar nicht erst diskutieren. Und das ist das, was mich traurig macht.
Kommentar vom 23. November 2006, 10:53 Uhr.