Beschleunigung

Prof. Dr. Hartmut Rosa sprach heute… in bunt und Farbe und… wenn gewollt, auch zum Anfassen.

Und seine soziologische Theorien von der Beschleunigung (Zeit wird knapper, Zeit wird immer schneller) sprechen eine differenziertere Sprache, als die allgemeine Panikmache von wegen zu wenig Zeit und zuviele Baustellen. Die Einteilung in die drei Dimensionen Technik (welche eigentlich Zeit freisetzt), sozialer Wandel und Lebenstempo ist eingaengig und laesst einen genaueren Blick auf leistungorientiertes, schnelleres Arbeiten mit weniger Pausen und das hochgepuschte Multitasking werfen. (Zwischenverweise auf Dimensionen die sich nicht beschleunigen und die fehlende Beruecksichtigung der Beschleunigung in den aktuellen, soziologischen Werken bringe ich hiermit auch nur verkuerzt.)

Das in diesem Dreiecksverhaeltnis die oft verdammte Technik nicht schuld sein kann, macht auch Sinn. Auch das mit der kulturellen Eigenart der Endlichkeit des Lebens und damit der Sehnsucht nach moeglichst viel zu Lebenden… am Besten zwei (oder mehr) Leben vor dem Tod.

Dann ging es allerdings ans Eingemachte, an die Ursachen. Und da knickt die Theorie fuer mich an mindestens zwei Punkten ein. Gefolgt werden kann sicherlich noch, dass das inzwischen dominierende Wettbewerbsprinzip Konkurrenz foerdert und damit Leistung (im Wesentlichen halt die Ressource Zeit) fordert. Und zwar alle Sozialsphaeren betreffend. Das Ziel ist irgendwann nicht mehr die Verwirklichung einer wie auch immer gearteten Individualitaet, sondern ein staendiges Aufruesten der eigenen Wettbewerbsfaehigkeit. Mit dem Bewusstsein, dass sonst automatisch ein Rueckschritt erfolgt. Sehr spannend der Vergleich mit einem totalitaeren System, indem ein Mensch nachts schweissgebadet aufwacht und nicht mehr kann. Willkommen im Hamsterrad der strukturellen Gewalt.

Erwaehnt wurde der dahinter steckende Fortschrittsgedanke, welcher imho jedoch expliziter ausgefuehrt werden muesste, um eine Entschleunigung denkbarer zu machen. Leider verlief die Diskussion in der polemischen Arzneimittel-Entwicklung und die Verteidigung der sozialen Marktwirtschaft. Und die Bilder von ueberfahrenen Froeschen und abrutschenden Haengen warfen – in der erlesenen Runde mit ihrer paedagogischen, elitesensiblen Denktradition – genaugenommen auch mehr Fragen auf…

Das Rosa keine Loesung fuer die aufgezeigten Problematiken liefern konnte, brachte Sympathiepunkte, aber auch eine gewisse Nichtbefriedigung. Sein Buch, Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne ist sicherlich eine Empfehlung wert. Ich denke, mit dem Geruest laesst sich noch einiges leisten.

Posted Februar 9th, 2007 in (ge) recht-schlecht, mad construct.

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