Betroffene Lemminge

Vorneweg, ich habe nichts zu verbergen.

Wenn allerdings Post fuer mich zu meinen Eltern kommt, beschleicht mich immer ein ungutes Gefuehl. Niemand hat diese Adresse, bis auf ein paar alte Geschichten. Zum Beispiel der Bund. Bertelsmann.

Oder aber die Polizei.

Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Dresden, Aktenzeichen: xxx, wegen schweren, sexuellen Missbrauch eines 9- und eines 11-jaehrigen Maedchens am 06. September 2005 in Dresden Hellerau und am 10. Januar 2006 in Coswig.

Ok, nach dem ersten Durchatmen ging es mit den Gedanken ueber diese Einladung los. Was hab ich eigentlich am 06. September 2005 (!) gemacht… oder am 10. Januar 2006. Moment, SACHSEN?!

Ich bin seit mehreren Jahren in Tuebingen sesshaft. Wenn es mich heimwaerts zieht, dann zu meinen geliebten Eltern und das in der Regel… zu Weihnachten. Doch zurueck zum Brief. Ein bisschen Recherche brachte Folgendes zum Vorschein:

Neuformierung der Sonderkommission Heller zur Durchfuehrung einer DNA-Reihenuntersuchung

Auf der Seite ist die Rede von 8.700 Maennern, die bereits teilgenommen haben, diverse Medienberichte sprechen Zahlen von 100.000 und mehr an. Hellhoerig werde ich bei folgenden Saetzen:

Mit der Reihenuntersuchung habe zeitiger als geplant begonnen werden müssen, da die Leute schon bis auf die Strasse angestanden hätten. In dem Dresdner Vorort sind am Wochenende rund 3000 Männer zur freiwilligen Abgabe aufgerufen.

Wer keine Probe abgebe, werde sich uns erklären müssen, sagte ein Ermittler.

Nun gut, wenn 100.000 Maenner unter Generalverdacht stehen und Angst haben muessen, sonst als potentieller Taeter dazustehen, gibts da sicherlich eine Weile gut bezahlte Arbeitsplaetze fuer die ermittelnden Behoerden (rund 20).

Mir bleibt bei solchen Themen eigentlich nur der Zynismus, denn wenn ich mir das Strafmass fuer schweren sexuellen Missbrauch (§176a StGB) mit seiner Hoechstrafe von 5 Jahren anschaue, frage ich mich, ob hier nicht die Prioritaeten etwas falsch verteilt sein koennten… und nachdem ich weiss, wie hart wenig Vergewaltigung in der Regel gerichtlich geahndet wird (1, 2, 3, …) – immer davon ausgegangen, dass es ueberhaupt zu einer Anklage der ebenso regelmaessig schwer traumatisierten bis beschaemten Opfer kommt – stellen sich fuer mich ganz andere Fragen:

Zum Beispiel, wessen Kinder hier eigentlich missbraucht wurden.

Oder aber, was mit den DNA-Daten passiert. Nach Polizeiangaben duerfen sie nur fuer diesen Fall gespeichert werden. Was aber, wenn der Taeter nie gefasst wird? Ist eine Vermutung und sicherlich rhetorisch… die Versicherung, dass die Daten sofort nach einem negativen Befund geloescht werden, duerfte nicht so schwer einzuholen sein.

Und ueberhaupt, ist die Prozedur nicht eigentlich leicht unpraktisch? Sexueller Missbrauch ist inzwischen immerhin (auch in der Ehe) ein Offizialdelikt, kommt aber haeufiger vor, als die Zahlen von 15.000 im Jahr aussagt – und damit schreib ich noch nicht einmal von der Dunkelziffer.

Jetzt koennte ich optimistisch sein und sagen: Hey, die anderen wurden alle aufgeklaert.

Ich koennte pessimistisch sein und sagen: Hey, sonst sind es immer unterschiedliche DNA-Proben und fuer eine Vergewaltigung lohnt sich der Stress nicht.

Ich koennte auch rational sein und sagen: Hey… wir machen zu jedem (nicht aufgeklaerten) Fall (der es ermoeglicht) eine DNA-Reihenuntersuchung. Oder noch einfacher, wir loeschen einfach die Daten nicht mehr. Sind ja sowieso anonymisiert. Und diese Option gibts ja eigentlich schon.

Und dabei sind wir wieder in einer ganz anderen Diskussion. Naemlich in der um den glaesernen Menschen. In der, dass halt einfach mal 100.000 Maenner als potentielle Verbrecher behandelt werden. Und ich schreibe hier von einer DNA-Entnahme, welche nicht ganz ohne Grund nur mit Einwilligung zu bekommen ist. Fairerweise Vorgeschriebener Weise weist die Polizei im Kleingedruckten auch darauf hin.

“Wer keine Probe abgebe, werde sich uns erklären müssen, sagte ein Ermittler.”, so schroben die Medien.

Die Polizei hingegen klaert auf:

Möchten Sie am Reihentest überhaupt nicht teilnehmen, darf die Polizei alleine daraus nicht den Schluss ziehen, dass Sie verdächtig sind. Stets würde die Polizei weitere tatsächliche Anhaltspunkte benötigen, um gegen Sie Ermittlungsmaßnahmen einzuleiten. Ihre fehlende Einwilligung kann auch nicht durch eine richterliche Anordnung ersetzt werden, wie dies bei Maßnahmen gegen einen Beschuldigten der Fall ist. Eine richterliche Anordnung zur zwangsweisen Entnahme einer DNA-Probe ist nur beim Vorliegen konkreter Verdachtsmomente zulässig.

Ob jetzt ein Ablehnen des Reihentestes doch als konkreter Verdachtsmoment gilt wird sich zeigen.

Ich finde es gut, dass etwas gegen sexualisierten Missbrauch gemacht wird und ich sehe es so auch vielmehr als eine Abschreckungsmassnahme. Dennoch werde ich, auch auf die Gefahr hin, dass ich danach engeren Kontakt mit der Polizei bekomme, auf die Abgabe verzichten. Gruende dafuer lassen sich beispielsweise hier lesen.

Eine Option, die der Taeter, so er ueberhaupt aus dem Einzugsgebiet kommt, im Uebrigen auch hat. Legal.

Weitere Links:

LKA Sachsen, Weisser Ring e.V., Hab keine Angst

(via) Biometrische VollerfassungOnline-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, DNA Datei, DNA Datei für Kids, DNA Datei für Schwarzfahrer

Posted März 20th, 2007 in mad construct, owl.

6 Kommentare:

  1. Betroffene Lemminge (II) » just madchiq!:

    [...] Nach einem 11-minütigem Telefongespraech auf meine Kosten war ich nicht unbedingt weiter. [...]

  2. Hr.Schmidt:

    Ich finde diesen “Erlebnisbericht” sehr gut. Leider sind nur äußerst wenig Menschen in diesem Lande in der Lage so etwas zu schreiben, geschweige denn es im Internet zu veröffentlichen.
    Erschwerend kommt hinzu, das solchermaßen kritische Berichterstattung nicht ins System passt und daher von den Massenmedien totgeschwiegen wird.
    Stattdessen wird auf den Titelseiten darüber spekuliert, warum sich Britney eine Glatze rasiert hat und ob das Eisbärenbaby im Berliner Zoo leben darf.

    Danke

  3. GeistesWelt :: Leben in Deutschland unter Generalverdacht :: March :: 2007:

    [...] Untergrundmagazin “Gulli und das private Blog “madchiq.de” Comments [...]

  4. dunji:

    beim strafmaß könnte man nochmal besser nachlesen ;)

  5. madchiq:

    Hab ich… siehe Quelle.
    Wobei mir auch klar ist, dass es inzwischen bei 15 Jahren liegen muesste. Wie streng es allerdings benuetzt wird, ist wieder eine andere Frage, bin in beiden Faellen fuer neue und bessere Quellen dankbar.

  6. Ich, das Vergangene - und die Fussball-WM 2006 » just madchiq!:

    [...] wollen Menschen eigentlich Sachen (von mir) wissen, die in der Vergangenheit liegen? Und damit mein ich nicht die letzte Woche, da [...]

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