Das Internet kann nix

Ruppsel wirft ein paar Thesen in den Raum und langsam wird mir warm genug, um darauf einzusteigen. Ich bin mir noch unsicher ueber die Form der Diskussion, aber mal gespannt, ob und was sich daraus entwickelt.

Der halbseidene Kommentar von Artesia spiegelt in etwa das wieder, worauf ich wenig Lust habe und weswegen ich die These, dass das Internet diverse Diskurse eher beguenstigt, auf einen ueberschaubarengewissen Rahmen begrenzt haben moechte. Nicht absprechen, denn positive Entwicklungen verknuepfe ich im Falle der Gender-Thematiken viel eher mit dem world wide web, denn negative, zumindest im Vergleich mit den mir bekannten Alternativen.

Und auch wenn das Alles essayistisch ist, mir fehlen verschiedene Dinge und dabei sind die reproduzierenden Brillen, durch die wir alle schauen (wollen!) nur der Aufhaenger. Rule 17 bspw. ist in einer Zeit entstanden, die nicht der heutigen entspricht – und dass sich da was geaendert hat ist gut so und bestaetigt sicherlich die These der positiven Veraenderungen. (Kleine Anmerkung: Machismo funktioniert phasenweise auch ohne Schlampen ganz gut.) Doch die gute, neutrale Macht des Internets sehe ich damit noch nicht zementiert. Ich will nicht widersprechen, wenn geschrieben steht, dass sich die Gesellschaft im Netz abbildet, hier stelle ich mir vielmehr die Frage, in welcher Form. Abgesehen vom Bildungshintergrund, wichtiger sind mir die einzelnen Inseln. Wenn jemand nach seiner oder vielmehr ihrer Freundin Anna sucht, wird sie nicht automatisch offen fuer die Vielfaeltigkeit des Netzes sein. Das gilt auch fuer verschaerftere Formen der Community-Bildung. Netzaffinitaet vorausgesetzt. Und da ist von Niedrigschwelligkeit nun wirklich nicht zu sprechen. Das Potential zur Entfernung von der Realitaet halte ich dabei fuer vernachlaessigbar.

Das aktuelle Faible für Vielfalt und Co. ist dabei allgemein eine ungemein fruchtbare Geschichte, speziell um mit Diskriminierungen umzugehen – laesst aber auch manches, nicht nur die Praxis, unbeachtet. Als erstes, es braucht weiterhin spezialisiertes Wissen und damit auch die Radikalitaet – ich bin hier sogar dankbar fuer die Maskulinisten; als Erinnerung, was bereits erreicht wurde und was noch offen ist. Und die Verdeckung, bzw. Tabuisierung liegt mir als zweites auch ein wenig im Magen. Die leidigen strukturelle Geschichten sind schwer anzugehen, sollten sie individuell diskriminiert ueberhaupt bemerkt werden.

Ist eine schicke Ueberleitung zum prOn. Denn gerade dort gibt es natuerlich (sic) unterschiedlichste Sexualitaeten zu entdecken. Diese Maerchen fuer Erwachsene sind aber dermassen stark normierend, dass ich hier die Entwicklungen leider nicht so stark positiv sehe, mag jetzt gar nicht von der Jugend anfangen – wobei ich hier auf die weiteren Entwicklungen nach YouPorn gespannt bin. Jedoch: das Freakige, Andere wird dadurch nicht „normaler“ (bzw. fuer mich interessanter), auch wenn ich es mir anschauen kann, oder dies bereits gemacht habe. Natuerlich kann es – Kommunikationsguerilla sei dank – als bemitleidenswert dargestellt werden, nur hat es einen Grund warum ab 23 Uhr nur noch eine Zielgruppe auf diversen (Werbe-)Kanaelen bedient wird. Mit ein bisschen Optimismus koennte ja gehofft werden, dass dies Rule 47 wird – hier bin ich ebenfalls skeptisch.

Ferner finde ich spannend, dass sich in den Gender-Diskussionen das Meiste an der Sprache festmacht… Es ist fast witzig, wenn es nicht symptomatisch waere. Ich ueberlese inzwischen bspw. diese Sexus, Genus-Geschichten, u. a. aber auch den Diskurs ueber die Piratinnen. Mit ein bisschen Nachdenken kaemen einige dahinter, dass es durchaus einen sinnigen Unterschied gibt, zwischen Titel und Genus. (Genauso wie einige (Neuro-)Biologen lieber ihren Job machen sollten, als sich mal eben kurz mit den Sozialwissenschaften oder gar pädagogischen Prognosen zu beschaeftigen.) Ich bin hier vielmehr angetan von den Entwicklungen „in der Praxis“. Und diese Veraenderungen kamen nach meinem Ueberblick nicht primaer durchs Netz, sondern von „oben“, bzw. von face-to-face-Geschichten. Und das Dilemma mit der Pirat-Partei wird sich damit leider auch nicht aufloesen.

Und damit der Schluss: Mir faellt es schwer, das Internet als eigenstaendiges “Ding” zu sehen. Vielmehr gefaellt mir das Bild eines Schattens. Und Schatten richten nichts. Aber sie zeigen was…

Achja: Was die „Partnerbörsen“ angeht, passen die doch ganz gut zur Kritik an der Heteronormativitaet. Nur dass dies halt konservative Werkzeuge sind. Muss ja nicht alles fortschrittlich sein, was das Netz so produzieren laesst. ;-)

Posted März 12th, 2010 in (ge) recht-schlecht, aufgeschnappt.

Eine Aussage:

  1. Korrupt:

    Die Sprachkiste ist auch die, die mich am meisten langweilt. Wie auch nebenan die Geschichte wegen Hirn und Hormonen, weil das ja alles eine Einbahnstrasse sein muss. Egal. Auch hier eben die Einschraenkung, dass es mir um strukturelle Gegünstigungen geht und nicht die anrollende Abschaffung der Genderstereotypen. Ack auch, was die Einstiegshürden angeht. Es war nur schon so viel Kram zu schreiben und die permanente Einschränkerei und Zuspitzung und “Ausgenommen wissen will ich..” gehen bei den diversen Vorreden usw. einfach irgendwann auf die Nerven, beim Schreiben wie beim lesen.

    Porn geht immer, deswegen haeng ich mich mal daran auf. Schon allein die *Sichtbarkeit* von beispielsweise Homosexualität verändert da etwas. Wenn ich die einschlaegigen Tagclouds angucke unter dem Gesichtspunkt, heterosexuelle, rassenreine Paarbeziehungen seien die anzustrebende Norm, dann wird mein Weltbild relativiert. Das ist trivial, aber ich denke, grade da fängts an.

    Was das Bild angeht – für eine schöbe Internetmetapher bin ich auch immer dankbar. Aber inhaltlich dürfte es ungefähr in die Richtung einer medial vermittelten Realität zu gehen, basierend auf einem technisches Substrat (ein Begriff, den ich an sich mag), der Gesellschaft sichtbar und umfassend verfügbar macht.

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