Danke, dass ihr es wagt!
Dass sich eine Wochenzeitung dem aktuellen Motto einer Tageszeitung anschliesst, jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.
Danke also fuer einen Artikel, einen 14-seitigen Beitrag, voll mit knallharten, akribisch genau recherchierten und nuechternst dargestellten Fakten. Einem Artikel, der die Konkurrenzprodukte altwie notduerftige Erguesse von prekarisierten Journalistik-PraktikantInnen aussehen laesst.
Ich wuerde mir nicht anmassen, zu behaupten, dass dieser Artikel meinen Tag gemacht hat, hat er nicht. Aber immerhin faszinierte er mich derart, dass ich seine schluessigsten Gedankenanstoesse noch einmal rezipieren moechte. Ich kann nicht anders!
1. Dennoch ["Ein Studium lohnt sich immer"] klafft ein Abgrund zwischen dem Techniker und der Geisteswissenschaftlerin – während er problemlos in eine vielversprechende Karriere durchstartet, kämpft sie als Teil eines hochgebildeten Lumpenproletariats ums wirtschaftliche Überleben.
Entsprechend empirisch unterlegt – ich hab mal mitgezaehlt, die Bilder, welche den Beitrag illustrieren zeigen tatsaechlich vier erfolgreiche Naturwissenschaftler (und eine Ingenieurin im Vertrieb) und vier leider weniger erfolgreiche Geisteswissenschaftlerinnen, von denen immerhin zwei ueber Umwege doch noch ihr Glueck in der Wirtschaft machen konnten, doch davon spaeter mehr -, also so eindrucksvoll haette nicht einmal Schwarzer auf diverse Missstaende hinweisen koennen!
2. Der deutschen Wirtschaft fehlt der Nachwuchs – vor allem in den technischen Fächern.
Richtig!
Deutschland geht seinem Ende entgegen und hier wird einfach und leicht verstaendlich erklaert, woran es liegt! Unterm Strich naemlich daran, dass zuviele Deppen (und Frauen sowieso) ihren Eltern nacheifern und in die sexy Geisteswissenschaften einsteigen.
Subtil und selbstlos, wie es journalistische Spitzenkraefte sein muessen, werden gleich diverse Loesungsvorschlaege (ohne stoerenden, geisteswissenschaftlichen Grundlagen die unnoetige Aufmerksamkeit zu widmen) eingebunden: kleine Jungen, welche mit filigranen Automodellen und nicht mit brutalen Killerspielen aufwachsen. Schulklassen, die von den gutmeinenden Topunternehmen der deutschen Wirtschaft finanziert und mit erweiterten Lehrplaenen ausgestattet werden um so schon frueh(er) den entscheidenen und eigentlich letzten noch geltenden, proletarischen Wert fuers Leben zu verinnerlichen:
Eine 100%-Stelle (Vollzeit) als wirtschaftlicher Techniker auf Lebenszeit (unbefristet)!
Schlichtweg genial! Doch es wird noch besser, konkreter:
3. Was fehlt sind Forscher!
Gnadenlos. Kein sowieso ueberfluessiges Wort ueber Innovationsfreundlichkeit oder Patentregelungen im deutschen Raum. Keine Nennung von an den Haaren herbeigezogenen Gruenden oder gar langweiligen Zahlen ueber das Wegziehen deutscher Wirtschaftsunternehmen und erst recht kein abgedroschenes Globalisierungsgejammer.
Deswegen auch nur zwei Absaetze spaeter:
“Die Erfindungen sind da” … “die Firmen haben aber nicht genug Leute um sie in Produkte umzusetzen.”
Aehm, ja! Der deutschen Wirtschaft fehlt definitiv der Nachwuchs!
Geschickt weiterhin der Schachzug, endlich mal einen wirklich kritischen Blick auf durchgenuschelte Reizwoerter wie Praktikas und Fremdsprachenkenntnisse zu werfen. Bringt nichts. Zumindestens keinen Bonus. Haben naemlich alle!
Etwas zu lapidar wird danach und meiner Meinung nach ein wesentliches Thema in den leicht lesbaren Fluss dieses Meisterwerkes eingebunden. Ich kanns verstehen, aufgrund seiner Neuartigkeit koennten durchaus ganze Theoriegerueste und Studienberatungen ihre Berechtigung verlieren.
4. Nicht nur aufs Fachwissen kommt es bei den Betriebswirten an.Wichtiger noch sind Einstiegskontakte.
In dem kleinen, anderthalbseitigen Ausflug macht ihr auch deutlich, dass Kluengeln und Smalltalk im Weinkeller die barbarischen Saufaktionen von mit Mantel und Degen um sich schlagenden Verbindungen erfolgreich verdraengt haben. Endlich koennen Elite-Unis, bzw. Unis, die sich wirklich um ihre Studierendenten bemuehen, aufrecht deutlich machen, was hier durch durch die erstklassisch dargestellten Einstiegsgehaelter untermauert wird. Netzwerke heisst die Innovation!
Und solche Netzwerke koennen ja durchaus schonmal Differenzen in den Einstiegsgehaeltern fuer die Knochenarbeiter des Managements verursachen, welche in der Hoehe des (Vollzeit-)Gehaltes einer universitaer gebildeten, auf Wolken schwebenden Arbeitskraft der Geisteswissenschaften liegen.
Aber sonst wird souveraen die Gratwanderung gemeistert, die Geisteswissenschaften nicht doch als ueberfluessige Lemmingbrutstaette (Hah, Googleloch!) oder gar als antisoziale, traditionsverhafte Bildungsblinddaerme (noch eins…) abzustempeln. Grosszuegig lasst ihr zitieren:
5. Wer seine [sic!] Faehigkeiten in Germanistik sieht, fuer den ist Elektrotechnik vergebliche Liebesmueh.
Und weiter:
Die Fachwahl ist nicht von der Herkunft zu entkoppeln und daher auch kaum steuerbar.
Solche Glanzstuecke zeigen doch ganz klar, wo es lang geht… aeh wo sie herkam! Und wem das nicht ausreicht, der oder die findet dann auch eine einfache Zauberformel um dem individuellen Elend zu entgehen und doch noch patriotisch dem Vaterland zu dienen:
Das eigene Fachwissen braucht nur mit Spezialwissen aus anderen Disziplinen kombiniert werden, dann passts auch wieder, vielleicht sogar fuer das hochgebildete Lumpenproletariat.
Besonders dankbar bin ich fuer das Beispiel, den strahlenden Hoffnungsschimmer, was deutscher Entwicklungsgeist auch heute noch und trotz der widrigen Umstaende zu leisten imstande ist, um seinen wackligen, globalen Spitzenplatz zu verteidigen: Ein Reisefilter, der rund um die Welt an jedem Wasserhahn angeschlossen werden kann! Jawoll, wir sind noch da!
Ein lesenswerter Artikel also, der ohne Zweifel Viele zum nachdenken anregen wird, da er, wie hoffentlich deutlich wurde, seinen kostbaren Seitenplatz nicht auf jammernde Weise mit den HartzIV-Schmarotzenden und aehnlichen Spaessen verplempert, sondern sich mutig mit den wirklichen und tiefsitzenden Grundprobleme beschaeftigt. Ich bin mir sicher, wenn er vor 10 Jahren erschienen waere, waere die aktuelle Traumweltengeneration schon laengst in zielorientierte Wirtschaftsingenieure transformiert.
Und wuerde nicht am Leben vorbei studieren, wie es wohl auch die beiden AutorInnen gemacht haben.
* Der Spiegel, Nr. 50, 11.12.2006, Titelthema, S. 64 ff, Julia Koch, Joachim Mohr