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Wenn ich gross bin…
… schreibe ich ganz viele Computerspiele.
Nein, nicht was ihr jetzt denkt. Ich werde Spiele schreiben – realistischer: ich werde Spiele schreiben lassen – mit vielen Bluemchen, weissen Taeubchen und froehlichen Kinderchen, die brav ihre mit oekologisch korrektem vegetarischem Essen gefuellte Teller leer essen und ihre Hausaufgaben machen, ohne danach Schokolade oder Fernsehen zu fordern. Spiele, in denen zufriedene und dickenormal gebaute Menschen vorkommen, die ohne (mehr) Geld zu verlangen in Vollzeit arbeiten und ehrenamtlich anderen noch zufriedeneren und nicht so attraktiven Menschen gerne helfen.
Und dann werde ich dafuer sorgen, dass jedes verzogene Kind in Deutschland diese Inbegriffe von Harmonie und Glueckseligkeit mindestens zwei, besser noch acht Stunden am Tag spielt.
Ihr werdet sehen, die Welt wird ein besserer Ort!
Achtung, Kreativitaet!
Als noch lebender Ossi wird mein Weltbild in der Regel von nichts mehr so richtig schnell in Frage gestellt.
Und so dachte ich primaer auch nicht normativ, als ich die heutige Abendplanung umsetzte.
Zu erkennen, dass kreative Prozesse eine Erfindung gewiefter, amerikanischer Psychologen sind, um Nonkonformitaet als etwas Positives darzustellen und welche (erst!) nach dem zweiten Weltkrieg bspw. den deutschen Genius abloesten, war demzufolge auch nicht wirklich spannend.
Das es nichts Neues auf Erden gibt, sondern lediglich Bekanntes umgewertet und damit Profanes zum Sakrileg wird, erinnerte mich auch an irgend etwas. An etwas, das auch in direkter Verbindung mit dem Gedankengang steht, dass es ebenso keine Repetition oder einfacher gesagt, keine Wiederholung gibt. (Hier kommt die Stelle mit dem zweimal in den gleichen Fluss steigen…)
Auch hier also nix Neues.
Jetzt kamen allerdings noch ein paar Gedanken dazu, die ich so noch nicht angeordnet hatte.
Zu aller Erstens: Kreativitaet ist die Abweichung vom Normalen.
Zweitens: Das Originelle ist gesellschaftlich (vor-)geformt. (Siehe auch: Es gibt nichts Neues…)
Das im Nebensatz also auch unser ureigenstes Inneres, unser ganz eigener individueller Traum oder was auch immer standarisiert ist, bekam ich an der Stelle schon nicht mehr richtig mit.
Konsequent zu Ende gedacht, entlarven sich damit alle Softskills-Schulungen, welche die Ressource Kreativitaet foerdern sollen, als plakative Oekonomisierungskomponenten mit psychologischen Elementen. Und auch wenn das Kreative erst durch Anerkennung wirklich kreativ wird, probiert doch einfach mal, nicht kreativ zu sein!
Kreativitaet als demokratische Zivilreligion (ja genau, zu vergleichen mit dem Christentum, Scientology oder der Neurowissenschaft), fuer alle zu haben und dennoch nur fuer Individuen erreichbar, die das auch koennen (wollen). Geschickte Tarnung! Und wunderbar passend zur Informations- und Wissensgesellschaft. Es lebe die creative class!
Richtig uebel wird aber das Nachdenken in die Richtung, dagegen zu rebellieren oder sich dagegen zu verwehren. Das wuerde naemlich wiederum Kreativitaet bedingen! Und anders anders sein ist zwar nicht unbedingt normal, aber auch nicht wirklich denkbar.
Dankbar bin ich deswegen der Zatopek-Akademie fuer Wirtschaftsfoerderung, welche mir Das Hohelied des Ich-starken Querdenkers zur Orientierung stellte:
Ich bin mir selbst die Rettung!
Denn ich bin kreativ!Ich glaube an ich und mein schoepferisches Potential.
Ich bin aktiv und flexibel, habe jede Menge Energie
und bin doch ruhig und entspannt. Ich besitze
spielerische Disziplin, kann Verantwortung
uebernehmen, ohne mich zu sehr zu binden.
Ich bin phantasievoll und realistisch zugleich.
Ich bin stolz, kann aber meinem Vorgesetzten in Demut
gegenueber treten.
Ich bin leidenschaftlich aber auch objektiv.
Ich bin faehig zu intensiver Freude, denn ich bin kreativ!Ich bin gewappnet gegen Homogenitaet, Normierung
und Repetition, denn
ich kann mir selbst etwas einfallen lassen!
Durch meinen Ideenausstoss
werden alle Kreativitaetskiller zerstoert.Ich investiere in mich selbst und biete
wertvolles Humankapital, denn:
Ich bin, was ich bin und ich bin genau das,
was gebraucht wird.
Unkreatives Danke auch an Ulrich Bröckling!


